Interview mit Dr. Lenzen-Schulte zum Thema Impfen

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte hat in Freiburg, Jerusalem und München Jura, Medizin und Philosophie studiert. Nach einer Approbation als Ärztin begann sie vor ca. 15 Jahren, als Medizinjournalistin und Buchautorin für Publikumspresse und medizinische Fachpresse zu schreiben.

 

Wogegen sollte man in jedem Fall impfen?


Dr. Lenzen-Schulte: Gegen Tetanus, Diphtherie, Kinderlähmung, Keuchhusten, Hämophilus influenzae, Masern und Hepatitis B (hiergegen spätestens in der Pubertät).

 

Beeinflusst eine Impfung die Selbstheilungskräfte des Körpers?

 

Eine Impfung ruft ebenso wie ein natürlicher Keim bestimmte Abwehrtruppen im Körper auf den Plan. Die Selbstheilungskräfte werden aber dadurch keineswegs geschwächt. Die Annahme, dass wenn die Abwehrtruppen sich nicht mit  starken Feinden messen, ihre Waffen mit der Zeit abstumpfen, stimmt also nicht. Denn sie trainieren weiterhin an einer Vielzahl anderer Keime. Deshalb werden sie auch nicht untauglich für künftige Aufgaben. Das zeigt sich etwa darin, dass geimpfte Kinder nicht schwächer sind als ungeimpfte, wenn es darum geht, neue Feinde, seien das nun Keime oder Krebszellen, wirkungsvoll zu bekämpfen.

 

Kann man auch zu viel impfen?


Diese Gefahr besteht, wie das Beispiel Tetanusimpfung lehrt. Nach der Grundimmunisierung gegen Tetanus im Kleinkindalter benötigen die Kinder eigentlich nur zwei Auffrischungen (bei Schuleintritt und als Jugendliche), um ausreichend geschützt zu sein. Aber Kinder sind oft verletzt. Häufig impft ein Chirurg das Kind erneut gegen Tetanus, weil er nicht sicher ist, ob das Kind bereits dagegen geimpft ist. Macht man das zu häufig, kann es an der Einstichstelle zu starken, schmerzhaften Rötungen kommen, die den Kindern unnötig Angst vor dem Impfen machen. Daher bedenken: Impfpass für das Klettercamp mitgeben und auch in den Familienurlaub mitnehmen!

 

Ist eine Gebährmutterhalskrebsimpfung empfehlenswert?

Eine Impfung ist meiner Meinung nach nur dann zu empfehlen, wenn ihr Nutzen wissenschaftlich plausibel nachgewiesen ist. Das ist bei der Gebärmutterhalskrebsimpfung  von Mädchen ab dem 12. Lebensjahr aber nicht der Fall.
Denn:
1.    Es gibt noch nicht genügend Bestätigung für einen Langzeitschutz: wenn der Impfschutz mit den Jahren nachlässt, dann ist ein mit 12 Jahren geimpftes Mädchen ab 20 nur noch unzureichend geschützt und die frühe Impfung war eigentlich umsonst. Entweder müsste man hier genauere Kontrollen einfordern oder schon jetzt eine Auffrischung bedenken. Außerdem sollte man gegenüber den jungen Mädchen und den Eltern deutlicher zum Ausdruck bringen, wie groß die Wissenslücken im Hinblick auf die Dauer der Schutzwirkung sind.


2.    Man impft nur gegen zwei Krebs auslösende Viren aus der Gruppe der Humanen Papillom-Viren, es gibt aber mehr als zehn weitere Krebsviren aus dieser Gruppe. Man hat bei anderen Impfungen beobachtet, dass sich dann die übrigen Vertreter in der Lücke breit machen, die die Impfung schafft. Die Viren, gegen die man derzeit impft, sind nämlich für die meisten Frauen überhaupt nicht gefährlich: Sie infizieren sich zwar im Laufe ihres Lebens damit, aber über 95 Prozent entsorgen diese Eindringlinge problemlos und ohne weitere Folgen; ob die anderen krebsauslösenden HP-Viren, die dann womöglich an deren Stelle treten, genauso leicht abzuwehren sind, ist unklar.

3.    Die Impfung macht andere Schutzmassnahmen, etwa eine jährliche Vorsorgeuntersuchung, in keinem Fall überflüssig. Es steht zu befürchten, dass sich viele junge Frauen in falscher Sicherheit wiegen und nur, weil sie geimpft sind, andere Schutzmassnahmen vernachlässigen.

 

Für welche Reiseländer sollte man auf jeden Fall welche Impfung haben sollte?

Egal wohin man reist, gegen Tetanus, Diphtherie und Polio sollte der Impfschutz stets up to date sein. Die Hepatitis-B Impfung empfiehlt sich ebenfalls, denn in vielen Regionen der Erde ist Hepatitis B weit häufiger als hier zuhause. Hepatitis A ist zwar nicht ultimativ gefährlich, könnte aber zum Abbruch des Urlaubs zwingen, daher empfehlenswert für alle Länder rund ums Mittelmeer, südlich der Alpen und östlich der Oder.
Für Afrika sind bestimmte Meningitisimpfungen wichtig, zum Teil vorgeschrieben, die Gelbfieberimpfung ist ebenfalls für manche Reiseländer vorgeschrieben. Es kann mitunter auch sinnvoll sein, sich gegen Cholera, Typhus, Tollwut und japanische Enzephalitis zu wappnen, aber da müsste man die verschiedenen Ecken der Welt einzeln durchgehen und das jeweilige Ansteckungsrisiko und die Sicherheit des Impfschutzes abwägen. Hier sind Reisemedizinportale im Internet wirklich die beste Empfehlung, da man sich aktuell und exakt für die Region, in die man reisen möchte, informieren kann, z.B. www.crm.de (Zentrum für Reisemedizin).

                                                        Interview: Karen Schmidt